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Magazin 05/21 Wein Weine

Weltenbummler – einmal anders

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Reben und Wein sind Weltenbummler par excellence. Seit Jahrtausenden reisen sie im Gepäck von Abenteurern, Entdeckern, Eroberern und Auswanderern um den ganzen Globus. 

Aus Mesopotamien stamme die Weinrebe, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, das sich in etwa von der heutigen Türkei bis zum Persischen Golf erstreckte. Von dort habe sie sich über Griechenland und Italien über die ganze Welt verbreitet. So habe ich es in meinen ersten Weinkursen gelernt. Kürzlich las ich irgendwo, dass Archäologen in China in 9000 Jahre alten Gefässen Spuren von vergorenem Traubensaft nachweisen konnten. Ob der Ursprung nun im Nahen oder im Fernen Osten liegt, der Mensch tut sich seit Jahrtausenden an Trauben und ihrem vergorenen Saft gütlich. Und zwar so sehr, dass er seine Lieblingssorte auf seinen Reisen um die Welt mit sich herumträgt und dort anpflanzt, wo er sich niederlässt. Griechen, Phönizier und Römer waren wohl die ersten «Kolonialisten» der europäischen Geschichte. Wo sie ihre Wohn- und Handelsstädte gründeten, bauten sie Reben an und liessen die Traubensäfte zu Wein vergären. Da sie sehr weit herumkamen, haben ihnen die meisten europäischen Länder den Weinbau zu verdanken. Unsere Walliser Spezialitäten Petite Arvine, Amigne und Humagne sollen Hinterlassenschaften der Römer sein. In ihrer ampelografischen Bibel «Wine Grapes», in der Weinautorin und Master of Wine Jancis Robinson und ihre Kollegen 1368 Rebsorten beschreiben und zuordnen, wird dieser Ursprung bezweifelt. Es gäbe keine eindeutigen Beweise für diese Annahme. Nun, offenbar auch nicht für das Gegenteil, also bleiben wir doch einfach bei dieser schönen Geschichte. Die grossen Seefahrernationen Portugal, Spanien, Italien, England und die Niederlande haben die Neue Welt nicht zuletzt dank dem Wein erreicht und entdeckt und später in ihren Kolonien die Fundamente für den Weinbau geschaffen. Auf ihren Handels- und Kriegsschiffen kreuzten sie oft monatelang auf den Weltmeeren. Stürme und Flauten bewirkten oft, dass die Reisen länger dauerten, als der Vorrat an Bord es zugelassen hätte. 

Konnte kein Stützpunkt angelaufen werden, an dem frischer Proviant erhältlich war, gab es nur noch einige Scheiben Zwieback, faulendes Trinkwasser aus morschen Fässern und – einziger Höhepunkt –einen Viertelliter Wein pro Kopf. Dessen Qualität würde heute wohl auch dem Anspruchslosesten nicht genügen, aber er war gesünder als Wasser, spendete einige Kalorien und hob die Laune. Ein grosses Verdienst an der Verbreitung des Weinbaus kommt den Mönchen und Missionaren zu. In Überseeländern, wie Nord- und Südamerika, waren sie die ersten Winzer. Vor allem Jesuiten und Franziskaner legten nahe ihren Missionsstationen Weinberge an. Den Wein brauchten sie für ihre Messfeiern, für die Pflege von Armen und Kranken und, nicht zuletzt, für ihr eigenes leibliches und geistiges Wohl. Die Reben brachten sie aus ihrem Heimatland mit, da es in Übersee nur Wildreben gab, aus deren Trauben sich kein anständiger Wein keltern liess. 

Die im Tessin noch heute angebaute Uva americana, besser als «Katzenseicherli» bekannt, stammt von einer Wildrebe aus Übersee. Ihr Wein ist wirklich nur etwas für Liebhaber. Europäische Auswanderer, die sich aus purer Not oder aus Abenteuerlust in Übersee eine neue Existenz aufbauen wollten, merkten bald, dass ihre neue Heimat sonnenreich, fruchtbar und für den Weinbau bestens geeignet war. Sie liessen sich von zu Hause die traditionellen Rebsorten schicken oder von Nachzüglern mitbringen. So kamen italienische, französische, portugiesische und deutsche Rebsorten in die Neue Welt und machten dort glänzende Karrieren.  
 In Chile sind heute Merlot und Carmenère, der lange fälschlicherweise als Merlot galt, neben Cabernet Sauvignon die beliebtesten Rotweinsorten. Alle drei stammen aus der Bordeauxregion. Genauso wie der Malbec, der sich in seiner alten Heimat oft zickig gibt und deshalb immer weniger eingesetzt wird. In Argentinien ist er zur Starrebe avanciert. Everybody’s Darling ist der Chardonnay. Die weisse Burgundertraube hat sich buchstäblich überall dort verbreitet, wo Rebbau möglich ist. Der deutsche Riesling gedeiht in der
Neuen Welt nur in Gebieten mit moderatem Klima. Syrah, die grosse Rotweintraube aus dem Rhonetal, ist in Australien die absolute Number one. Das sind nur wenige Beispiele für die weltweite Karriere europäischer Rebsorten. In Down Under gab es ursprünglich gar keine Reben, weder wilde noch domestizierte. Die Engländer haben diesen Kontinent – eine ihrer Kronkolonien – mit Landsleuten zwangsbesiedelt. Denn freiwillig wollte vor rund 230 Jahren niemand auf «die untere Seite der Weltkugel». So schickte man einige Segelschiffe mit Sträflingen von Grossbritannien nach Australien. Schwerverbrecher wurden auf dem noch südlicheren Tasmanien ausgesetzt. Der Weinbau begann in Australien fast zweihundert Jahre später als in Amerika und Afrika und ist heute 150 Jahre jung. 

  Südafrika hat den Holländern den Wein zu verdanken. Ausgerechnet einer Nation, die erst seit kurzem, und als Kuriosum, auf 16 Hektaren Wein anbaut. Jan van Riebeeck legte 1655 in Kapstadt eine Proviantstation für die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) an. Hier deckten sich die Handelsschiffe auf ihrem Weg von Europa nach Indien mit frischem Vorrat ein. Das mediterrane Klima bewog ihn, einen Versuch mit Rebbau zu starten. Bereits 1659 wurde der erste südafrikanische Wein gekeltert. Dank dem Wein gab es auf holländischen Schiffen kaum noch Skorbut, die typische Seemannskrankheit war passé. So nebenbei dürfte auch die Seefahrt um einiges lustiger geworden sein. Der mehr oder weniger christlichen Seefahrt haben wir im Übrigen einige Weinspezialitäten zu verdanken, so etwa den Sherry, Madeira oder Portwein. Auf dem langen Transport in Holzfässern war der Wein vermehrt den Essigbakterien ausgesetzt. Um ihn haltbarer zu machen, setzte man diesen Weinen Weinbrand zu, mal nach der Gärung, mal bevor der Wein durchgegoren war. So wurde aus der Not eine Tugend, und es entstanden Weine, die wir heute nicht mehr missen möchten. Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Wenn Weine reisen, passiert auch so einiges. Sie werden gerüttelt, geschüttelt, wechselnden Temperaturen ausgesetzt, und das oft über längere Zeit. Also eigentlich gegen alle Empfehlungen, die zu sorgfältigem Umgang mit Wein aufrufen. Jungen Weinen können die Transportstrapazen nicht allzu viel anhaben. Sie sind robuste, und einige Wochen Kellerruhe bringen sie wieder ins Lot. Vielleicht reifen sie durch die unsanfte Behandlung etwas rascher als solche, die dauernd in perfekten Bedingungen lagern. 

«Der Wein schmeckt am besten, wo er wächst», ist eine Binsenweisheit. Wenn der Wein, den Sie in ihren Strandferien in rauen Mengen und mit so viel Vergnügen getrunken haben, dass sie sogar einige Flaschen davon mit nach Hause genommen haben, dort dann plötzlich gar nicht mehr mundet, liegt das weniger daran, dass er nicht gut gereist ist. Es hat vielmehr damit zu tun, dass Sie in Badehosen und Bermudashorts nicht der gleiche Mensch sind, wie zu Hause in Ihrer Stube. Wenn es vielleicht draussen regnet, die Steuererklärung noch ausgefüllt werden muss und Ihr liebster Mensch schlechte Laune hat. Der Genuss keines Getränkes ist so stark an Emotionen und die persönliche Verfassung gebunden wie der des Weins. Mit Ihrem Ferienflirt, der unter südlicher Sonne auf seinem Fischerboot so gottvergessen gut aussah und Sie fast um den Verstand brachte, würden Sie zu Hause in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis höchstwahrscheinlich nicht brillieren können. Und die sexy Nachtclubmaus von Ibiza wäre wohl auch nicht die geeignete Begleitung zum Firmenanlass. So ist es, das Leben – alles ist relativ.   

Beatrice van Streen ist seit vielen Jahren meine gute Freundin und Mitarbeiterin. Sie hat für La Tavola spannende, wissenswerte und geistreiche Artikel, Reportagen und Kolumnen über den Wein geschrieben. Danke, liebe Beatrice, für deine spritzigen Texte mit Tiefgang und Humor.

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