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Magazin 03/21 Wein Weine

La vie en rosé

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Neun Monate im Jahr fristen sie das kümmerliche Dasein von Ladenhütern, verstauben in den Regalen von Fachgeschäften und Grossverteilern. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen, wenn Balkone, Terrassen und Sitzplätze geputzt, mit Gartenmöbeln bestückt und mit Blumenflor sommerfein herausgeputzt sind, mutieren sie wieder zu unseren Lieblingen – die Weine zwischen Weiss und Rot.    

Ob sie nun Rosé, Rosado, Rosato, Vin Gris oder Blush Wine heissen, sie polarisieren und teilen die Welt der Weinfreunde in zwei unversöhnliche Lager: auf der einen Seite die absoluten Verächter der Weine, für die sie weder Fisch noch Vogel sind, auf der anderen Seite die unbekümmerten Geniesser, für die ein Rosé erst den Sommer macht. Es versteht sich von selbst, dass sich die Roséfeinde zu den echten Weinkennern zählen, die nur Edles horten und geniessen. Demgegenüber ist die Erwartungshaltung gross, im Lager der Befürworter eher Frauen und junge, unbedarfte Weintrinker zu finden. 

Tatsächlich waren die blassroten Weine früher oft der Ausweg aus dem Dilemma, wenn an einem Tisch verschiedene Gerichte bestellt wurden, zu denen weder ein Rot- noch ein Weisswein passte. Auch für Weinliebhaber mit beschränktem Budget waren die Rosés oft der Lichtblick auf den einschüchternd hochpreisigen und umfangreichen Weinkarten. Doch die meisten Roséweine waren harmlos und verdienten höchstens das Prädikat «korrekt».  Aber vor dreissig, vierzig Jahren war auch die Qualität bekannter roter und weisser Provenienzen nicht immer über jeden Zweifel erhaben.  

Für Roséweine gibt es unterschiedliche Herstellungsverfahren, auch solche höchst dubioser Natur. So wurden früher oft unverkäufliche Rotweine mit Aktivkohle – einer Art feinporigen Holzkohle – entfärbt. Dabei liessen sich auch unangenehme Geschmacksnoten herausfiltern. Aus einem älteren fehlerhaften Wein wurde auf diese Weise ein mickeriger Rosé. In gewissen Gegenden ist es erlaubt, einen Weisswein mit etwas Rotwein rosa oder hellrot einzufärben. Wer nun die Nase rümpft, weiss wahrscheinlich nicht, dass auf diese Art und Weise fast alle beliebten und teuren Rosé-Champagner hergestellt werden. Die wenigsten Roséweine sind Assemblagen. Rosés gibt es in allen Weinregionen, in denen blaue Trauben für die Rotweinproduktion angebaut werden. Es gibt Rosés vom blässesten Rosa bis zum frischen Hellrot, von knochentrocken bis lieblich-süss. Der Roséwein ist ein Allrounder, der vom Aperitif über das ganze Menü bis zur Nachspeise passt. Als Aperitif empfiehlt sich ein spritziger, leichter Rosé, trocken oder mit feiner Restsüsse, zum Beispiel ein Œil de Perdrix aus Neuenburg oder aus dem Wallis. Die Traubensorte dieses Gebiets ist der Blauburgunder/Pinot noir. Da sein Name nicht geschützt ist, darf auch in der Ostschweiz oder am Zürichsee Œil de Perdrix gekeltert werden.  

Zu Vorspeisen, Sommersalaten mit nicht zu viel Essig, zu vegetarischen Gerichten, Tapas, gegrilltem Fisch, Vitello tonnato und Schalentieren passen eher die trockenen und gehaltvollen Rosés aus Gamay-, aus Grenache- und/oder Mourvèdre-Trauben. Gamay wird um Genf, aber auch im Waadtland und im Wallis angebaut. Grenache oder Mourvèdre gedeihen in Südfrankreich und, als Garnacha und Monastrell, in Spanien. Auch norditalienischer Rosato oder Rioja rosado aus Spanien können zu Roséweinen ausgebaut werden.  

Kalbfleisch, Geflügel, Wurstgrilladen und Tatar verlangen nach einem in Farbe und Geschmack kräftigeren Wein. Ein Clairet aus Bordeaux oder Rosés aus dem südlichen Rhônetal, Tavel oder Lirac, sind hier die idealen Begleiter. 

Vous l’aimez bien épicer? Tex-Mex-, Thai- und andere scharfwürzige Gerichte, zu denen tanninhaltige Rotweine und trockene Weisse nicht passen, werden perfekt abgerundet durch Rosés mit einer feinen Restsüsse wie zum Beispiel dem kalifornischen White Zinfandel.  Ein Sommer ohne Rosé? Das wäre wie ein Ei ohne Salz.   euse

Beatrice van Streen ist seit vielen Jahren meine gute Freundin und Mitarbeiterin. Sie hat für La Tavola spannende, wissenswerte und geistreiche Artikel, Reportagen und Kolumnen über den Wein geschrieben. Danke, liebe Beatrice, für deine spritzigen Texte mit Tiefgang und Humor.

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