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Magazin 06/17 Reisen

PERU – AMAZONAS

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Fotografie: Ursula Egli, Aqua Expeditions
Text: Ursula Egli

Peru ist ein Andenland. Seine Bergriesen stemmen sich fast 6800 Meter hoch empor. Die alte Kultur der Inkas ist im Gebirge angesiedelt. Doch 60 Prozent des Landes sind grün. In den tropischen Regionen im Osten, nur wenige Meter über dem Meeresspiegel, gibt es noch unberührten Dschungel. Und so konnte der Kontrast kaum grösser sein, als wir von der quirligen, im Verkehr versinkenden, lärmigen und staubigen Hauptstadt Lima ins mystische Amazonastiefland reisten. Der Amazonas ist der wasserreichste und mit 6788 Kilometern der längste Fluss der Erde. Die Lebensader des gesamten nördlichen Südamerikas. Landschaften, die vielfältiger nicht sein könnten, werden von dem mächtigen Strom, der von über 10’000 Zuflüssen gespeist wird, geprägt. Aus den eisigen Höhen der Anden in über 5000 Meter Höhe ergiesst sich das Wasser bis hinab ins Tiefland Brasiliens, wo der Amazonas schliesslich in den Atlantik mündet. Das Flussbett des Amazonas ist so tief, dass Überseeschiffe 3700 Kilometer flussaufwärts bis ins peruanische Iquitos fahren können. Selbst in der Trockenzeit erreicht der Amazonas stellenweise eine Breite von 10 bis 20 Kilometern. Zum Vergleich: Der Bodensee ist an seiner breitesten Stelle 14 Kilometer breit. In der Regenzeit kann der anschwellende Fluss dann aber noch viele Kilometer weiter in den Regenwald beidseitig der Ufer vordringen. Dies ist der Grund, dass die Häuser der hier lebenden indigenen Bevölkerung auf Pfählen stehen. Der gigantisch grosse immergrüne Amazonasregenwald beherbergt die grösste Artenvielfalt der Erde. Hier leben Dutzende verschiedener Affenarten, bunte Aras, ruhelose Wanderameisen, niedliche Faultiere, putzige Gürteltiere, mächtige Jaguare, die wahren Herren des Urwaldes, Tausende Arten von Schmetterlingen und etwa 900 Vogelarten. In den Gewässern tummeln sich rosafarbene Delfine, Kaimane, Piranhas, Seekühe, Riesenotter, Wasserschildkröten und über 1500 Arten Süsswasserfische. Mehr noch als die Tierwelt bietet die Flora ein schier unüberschaubares Kaleidoskop von Formen und Arten. Auf einem Hektar Urwaldboden wachsen alleine 300 bis 500 Baumarten, darunter bis zu 60 Meter hohe Cecropia-Bäume, Mahagoni und andere Edelholzarten. Zahlreiche Palmenarten geben dem Dschungel sein unverwechselbares Aussehen. Hunderte Jahre alte Ficus-Bäume breiten ihr Blätterdach über uns aus, Bromelien hängen von den Ästen, die meterhohen Brettwurzeln schlängeln sich in alle Richtungen durch die Erde. Wie ein Kunstwerk präsentiert sich die schönste Wasserpflanze der Welt: Victoria amazonica, die Amazonas Riesenseerose. Dutzende der grünen Teller bedecken das Wasser, manche mit einem Durchmesser von zwei Metern. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten.

Aria Amazon

Auf einer Flusskreuzfahrt den Amazonas zu befahren, macht empfänglich für die Feinheiten, die die Schönheit dieser Erde ausmachen. Die Aria Amazon erwartet uns in Iquitos. Mitten im Dschungel gelegen, ist die Stadt nur per Flugzeug oder mit dem Boot zu erreichen und liegt 110 Kilometer unterhalb des Zusammenflusses der beiden Hauptquellflüsse des Amazonas, des Río Ucayali und des Río Marañón. Ab den 1880er Jahren machte der Kautschuk Iquitos reich, Gummibarone wie Fitzcarrald liessen sich pompöse Villen an die Uferpromenade bauen. An der Plaza de Armas steht die Casa de Fierro, ein Eisenhaus, das von Gustave Eiffel entworfen und Stück für Stück in den Urwald verschifft wurde. Nach 30 Jahren war es mit dem Kautschuk-Reichtum vorbei. Iquitos wäre wohl wieder zu einem unbedeutenden Dschungelnest verfallen. Doch in den 1960er Jahren fand man Öl. Zudem florieren die Holzindustrie und zunehmend auch der Tourismus. Unser schwimmendes Boutiquehotel ankert weit draussen vor der Stadt, mitten im Amazonas, der an dieser Stelle rund zwei Kilometer breit ist. 24 Crewmitglieder und 4 «naturalist guides», also Naturreiseführer, werden uns in den nächsten vier Tagen verwöhnen und dafür sorgen, dass es uns an nichts fehlt. Kapitän Orlando steuert die Aria Amazon flussaufwärts und biegt immer wieder in Seitenarme des Hauptstroms ab. Zwei bis drei Mal täglich verlassen wir zusammen mit unseren Guides das 45 Meter lange und 9 Meter breite Flussschiff und steigen um in Skiffs, kleine, schmale, wendige Aluminium-Motorboote, mit denen wir bis tief in den Dschungel hineinfahren. Unsere Guides Marcos, Julio, Roger und Ricky stammen alle aus dem Amazonasdelta und kennen die Gegend wie ihre Westentasche. Nichts entgeht ihnen. Sie sehen genau, ob der dunkle Fleck hoch oben in den Baumkronen ein Faultier, der halb ins Wasser hängende Ast eine Anakonda oder nachts die rot aus dem Wasser leuchtenden Punkte vielleicht doch die Augen eines Kaimans sind? Sie zeigen uns, wie man Piranhas fischt, mit Lianen, wie einst Tarzan und Jane, durch den Dschungel gleitet, über die in schwindelerregender Höhe hängenden Brücken geht und im Amazonas mit den Flussdelfinen um die Wette schwimmt. Immer rechtzeitig zum Sonnenuntergang fahren sie mit uns zu den romantischsten Plätzen, um den Tag mit einem Sundowner ausklingen zu lassen. So gross das Wissen unserer Guides ist, etwas lernen sie auch von uns. Die meist rasante Fahrt mit dem Skiff ist zwar abenteuerlich, aber leider auch ziemlich laut. Wir bitten die Guides, ab und zu den Motor abzustellen, leise durch das Wasser zu gleiten und andächtig der Sinfonie des Regenwaldes zu lauschen. Ich glaube, unsere Guides sind beeindruckt!

Travel in style

Als man den peruanischen Stardesigner Jordi Puig bat, den Ausbau der Aria Amazon zu übernehmen, war das eine echte Herausforderung: Denn Platz ist auf einem Flussschiff nun einmal ein begrenztes Gut, das umsichtig eingesetzt werden muss, aber Jordi Puig hat die Aufgabe mit Bravour gemeistert. Er schuf ein luxuriöses Refugium, das keine Wünsche offenlässt und dennoch das Gefühl von Freiheit und Naturnähe bietet. Der Star einer jeden Amazonaskreuzfahrt ist die Natur und die hat auch auf der Aria Amazon Vorrang, denn die Fenster des drei Decks umfassenden Schiffes sind so gross wie Kinoleinwände und nehmen fast die gesamte Aussenwand ein: Schon beim Aufwachen sieht man vom Bett aus die Sonne über dem peruanischen Regenwald aufgehen. Die 16 Design-Suiten sind mit 23 Quadratmeter sehr grosszügig bemessen und verfügen über ein King-Size Bett, ein geräumiges Bad mit Regendusche und eine Sitzecke mit einem Tagesbett. Die Ausstattung und Möblierung des gesamten Schiffes besteht vorwiegend aus Naturmaterialien wie Holz, Stein und Leder. Die Stoffe sind aus peruanischer Baumwolle, Leinen oder Seide. Hier fällt es uns wirklich nicht schwer, die Seele baumeln zu lassen und uns nach einem abenteuerreichen Tag zu erholen und neue Kraft zu schöpfen. Die Mahlzeiten geniessen wir im stilvoll eingerichteten Restaurant, wo wir dank den Panoramafenstern nichts von der wunderschönen Landschaft verpassen. Nach dem Essen entspannen wir auf dem Observation Deck in bequemen Liegen oder erfrischen uns im Jacuzzi. Kommen wir zurück in unsere Zimmer, wartet ein liebevoll aus Frotteetüchern gefalteter Hund oder eine Schildkröte auf dem Bett auf uns, zusammen mit dem Programm für den nächsten Tag und einer weiteren Aufmerksamkeit wie zum Beispiel einem Armband aus glücksbringenden peruanischen Bohnen. Unsere Gastgeber Caroline und Waldi sind jederzeit für uns da und kleine Mängel, wie zum Beispiel die explodierte Steckdose in meinem Zimmer, werden sofort behoben. Abends treffen wir uns in der Bar, wo Barkeeper Alberto virtuos und leidenschaftlich den Cocktailbecher schüttelt. Er hat viel zu tun, denn wir alle lieben Pisco Sour, das peruanische Nationalgetränk aus Traubenschnaps, Limonensaft, Zucker und Eiweiss.

Pueblos indígenas

Marcos, unser Guide, freut sich, mit uns eines der an den Ufern der
Flüsse liegenden indigenen Dörfer zu besuchen. Er selbst ist im
Dschungel aufgewachsen und weiss, wie hart das Leben für die Bevölkerung, die vom Fischfang und Anbau von Früchten und Gemüse lebt, ist. Die Bewohner des 106 Seelen zählenden Dorfes freuen sich über etwas Abwechslung und bessern ihr Einkommen mit dem Verkauf von selbst gemachten Souvenirs auf. Ein sehr authentisches Erlebnis ist der Besuch des Marktes von Nauta, einer 15000 Einwohner zählenden Stadt, die am Zusammenfluss von Río Marañón und Ucayali, rund 110 Kilometer von Iquitos entfernt, liegt. Das Angebot ist nichts für zartbesaitete Gemüter, denn hier werden neben lokalem Gemüse und Früchten auch Kaimane, Piranhas und Schlangen verkauft.

It’s a wild life

Ich muss es zugeben, ohne die Begleitung unserer erfahrenen Guides hätte ich wohl kein einziges Tier vor die Linse gekriegt. Es braucht viel Geduld und  ein gutes Fernglas, um die Bewohner des Regenwaldes im dichten Laubdach auszumachen. Vor allem meine Lieblinge, die Faultiere, machen ihrem Namen alle Ehre. Sie hängen unbeweglich weit oben in den Bäumen und lassen sich durch nichts, aber auch gar nichts aus der Ruhe bringen. Auf einem unserer Spaziergänge durch den Dschungel haben wir gelernt, wie wir uns die lästigen Termiten doch noch zunutze machen können. Man entfernt einen Teil der Rinde ihrer Nester und hält die Hand darauf, was etwas Mut braucht. Die Termiten, die jetzt auf der Hand rumkrabbeln, muss man schnell zerreiben und dann auf Arme und Nacken streichen. Das ist der beste und natürlichste Schutz gegen Moskitos und erstaunlicherweise riechen die Termiten erfreulich gut nach frischem Gras.

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