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Magazin 02/21 Wein Weine

Sprechen Sie Weinisch?

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Lassen Sie sich nicht von zu viel «Weinisch» einschüchtern. Outen Sie sich bei nächster Gelegenheit mutig als Weinkenner. Die optimale Inszenierung? Halten Sie Ihr Weinglas am Stiel, leicht schräg über ein weisses Tischtuch, um zuerst seine Farbe zu begutachten. Dann lassen Sie den Wein einige Male im Glas kreisen und führen ihn an die Nase. Legen Sie in diesem Augenblick Ihre Stirn in Konzentrationsfalten. Ihr fachmännischer Kommentar: «Elegantes Bouquet mit frischer Zitrusnote usw. Viel Spass beim Be(w)eindrucken.

Dem Riesling wird eine herrliche und für sein Alter typische Petroleumnase bescheinigt, während der anschliessend kredenzte Rotwein ziemlich reduktiv rüberkommt. Also etwas muffig und das Gegenteil von oxidativ, was überreif gleichkommt. Den neuseeländischen Sauvignon blanc beschreibt mein Tischnachbar begeistert mit: «Prächtiges, offenes Bukett mit Aromen von rosa Grapefruit, Mango, Ananas und einem Hauch Tomatenblatt. Spritziger Auftakt im Gaumen, der lange Abgang ist von einer leichten Bitternote geprägt.» Darauf wundert sich die nette alte Dame vis-à-vis, dass es erlaubt ist, so viele Früchte in einen Wein hineinzutun. Der Weinabgang wiederum klingt für meinen deutschen Nachbarn zur Linken etwas kurios. Aber er tippt richtig: auf einen langen Nachgeschmack. Eine Schweizer Weinkoryphäe, mit der ich bei einer Weinverkostung – in der Schweiz heisst das «Degustation» – am Jurytisch sass, beschrieb den Cabernet Sauvignon im Glas «mit einer deutlichen Efeunote». «Ich habe keine Ahnung, wie Efeu riecht», flüsterte ich ihm ratlos zu.  

«Macht nichts», tröstete er, «die anderen im Saal auch nicht.» Und wirklich, keiner protestierte oder fragte nach, denn schliesslich hatte ein ausgewiesener Kenner gesprochen. Fast jeder von uns kann riechen und schmecken, ausser mit einem kräftigen Schnupfen. Aber Sie kennen das sicher auch: Man ist im trauten Kreise, stösst mit dem Glas Wein an und nimmt den ersten Schluck und wendet sich wieder der Unterhaltung zu. Gibt es überhaupt Kommentare, tönen die etwa so: «Schmeckt noch fein, schön fruchtig.» Oder «recht trocken». Kaum einer fragt, was er da trinkt, woher das stammt. Dabei verdient der Wein einige Sekunden Aufmerksamkeit, weil wir dabei nämlich so einiges lernen können.

Mehr finden Sie in unserem Magazin 02 2021. Erhältlich unter: www.latavola.ch

Beatrice van Streen ist seit vielen Jahren meine gute Freundin und Mitarbeiterin. Sie hat für LaTavola spannende, wissenswerte und geistreiche Artikel, Reportagen und Kolumnen über den Wein geschrieben. Danke, liebe Beatrice, für deine spritzigen Texte mit Tiefgang und Humor.

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