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Magazin 02/19 Reisen 06/19 Städtereise Tipps & Adressen

Burano – Warme Farbtöne und weite Horizonte

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Aus dem Englischen von Allison Zurfluh

Bei der Pescheria Vecchia gehe ich an Land und von dort geradewegs zur Fondamenta della Giudecca. Schon seit unser Boot am Horizont aufgetaucht ist, weiss jeder hier, dass ich bald ankommen werde. «Wir sind eine enge Gemeinschaft», sagt der Fischer Enrico Trevisan, «so etwas spricht sich eben schnell herum.»

Burano, ein Archipel von vier verschiedenen Inseln, wurde im 5. Jahrhundert von den Menschen aus Altino besiedelt, die dort vor der lombardischen Invasion flohen. Niedrige Gezeiten und dichter Nebel, der über kilometerlange Unterwasserkanäle lag, schufen eine natürliche Barriere, die die Bevölkerung über Jahrhunderte schützen würde. Dieser Teil der nördlichen Lagune war eines der meistbesiedelten Feuchtgebiete der Adriaküste. Heute haben die Inseln Burano, Mazzorbo und Torcello zusammengenommen weniger als 3000 Einwohner.

Ich komme am Ruderclub auf der Südseite der Insel vorbei, wo der Abend jeweils blutrote Sonnenuntergänge hervorzaubert. Bunte Ruderboote, die Sandule, Caorline, Gondoline und Mascarete heissen, sind da geordnet und hoch gestapelt, und ich winke im Vorbeigehen. Früher beförderten Ruderer Gemüse und Fisch auf Holzbooten mit flachem Boden zum Rialto-Markt. Es war eine grosse Ruderleistung, ein harter Lebensstil. Aber der Geist der Kameradschaft ist hier spürbar; eine Atmosphäre, die harte Arbeit und intensives Vergnügen vereint, die gleichzeitig vertraut und unwiderstehlich ist.

Um die Insel herum sind Salzmarschen seit langem Heimat einer lebendigen Fauna und Flora. Majestätische Schwäne lassen sich über Nacht auf ihnen nieder, weisse Reiher tratschen vor dem Schlafengehen, und in der Ferne zeichnet sich die betörende Stadt Venedig ab. Die Lagune ist eine eigene Welt, so eigenständig wie La Serenissima einst war.

Ich biege nach Tre Ponti rechts ab und durchpflüge dicke Wellen von Tagesausflüglern wie im Acqua Alta. Es gab eine Zeit, in der die beliebte Kreuzung von drei Brücken ein Treffpunkt für ältere Herren der Insel war, die sich am Nachmittag die Zeit vertrieben und über das Wetter und den gestrigen Fang diskutierten. Jetzt sind sie weg. Unten auf der Fondamenta sassen sie auf winzigen Stühlen, ein Knie ruhte auf dem Boden, während sie die verschiedenen, für ihr Überleben so lebenswichtigen Netze nähten und reparierten, während die Buranello-Damen komplizierte Spitzenmuster über zylindrische Kissen einarbeiteten und so eine andere Art von Netz schufen. In der Lagune war es still damals, nur das Rauschen der Ruder, wenn die Boote durch die Kanäle glitten, die spielenden Kinder am Wasser und die angenehmen Stimmen der herzlichen Menschen erklangen über die Insel.  

Ich halte für einen Moment inne, um die Vergangenheit herbeizusehnen, als ein seltsames Gefühl der Nostalgie und Reue in mir aufscheint, das die Sonne wie so viele Sturmwolken auslöscht. Doch etwas später verfliegt dieses Gefühl des drohenden Untergangs, als der Fischer Massimo Tagliapietra erscheint, der in seinem Boot steht und sich auf eine Nacht fürs Fischen vorbereitet. Er dreht eine Zigarette, als ich mich nähere, und zündet ein Lächeln an. «E allora?», sagt er zur Begrüssung. Massimo weiss genau, was ich denke. Er war hier, als kein einziges Motorboot in der Lagune brummte; damals, als die Buben noch eine Meile für Äpfel auf eine Nachbarinsel schwammen. Er weiss besser als jeder andere, wie sich diese Lagune verändert.

Die Buranelli verfügen über einen unerschöpflichen Einfallsreichtum. Angesichts der Muskelkraft der Pescatori, der Herzlichkeit der Einheimischen und all jener, die mit Leidenschaft ihre Unabhängigkeit behaupten, scheint es unwahrscheinlich, dass die Insel im Ansturm des Massentourismus untergehen wird. Und doch, das bedrohte Ökosystem, der Rückgang der Fischerei, die Spitzenstickerei, die an Bedeutung verliert, und die Zunahme des Schiffsverkehrs tragen dazu bei, dass die Bevölkerung allmählich schwindet.

Ich folge einem kleinen blonden Jungen mit seinen Hosentaschen voller lebender Krebse hinunter zur Trattoria al Gatto Nero. Kellner in schwarzen Anzügen eilen hin und her, Teller mit Antipasti balancierend. Da erscheint ein Gesicht im Türrahmen: «Na, wir haben dich vermisst», sagt Massi Bovo zu mir. Mit einem Augenzwinkern bringt er zwei Gläser Prosecco und einen Bussolà-Keks für den kleinen Jungen; wir stossen an. Aber an diesem sonnigen Morgen in der Lagune heult in mir ein südöstlicher Scirocco. Und ich frage mich, ob der Nebel und die Gezeiten stark genug sind, um dieses Paradies auch in Zukunft zu beschützen.

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