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Magazin 01/17 Wein

RIOJA: UNIVERSUM DER BESONDEREN ART

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«Die heutige Rioja verstehen wollen?» Nun, die Vielfalt an Weinen, die heute in der prestigeträchtigsten Weinregion Spaniens gekeltert werden, ist so gross wie nie zuvor. Erkennbar sind mindestens drei verschiedene Philosophien oder «Schulen» des Weinmachens. Die Abgrenzung von einer «Schule» zur anderen ist oft schwierig, die Grenzen fliessend. Doch eine zentrale Erkenntnis sei hier vorweggenommen: Während sich etwa in Bordeaux die Spitzenweine in den letzten fünfzehn Jahren quasi «en bloc» weiterentwickelt und modernisiert haben, sodass wir heute dort unter den Spitzengewächsen kaum mehr Crus finden, die ganz und gar dem traditionellen Stil verpflichtet sind, haben die Protagonisten der Rioja einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Denn hier werden noch immer grandiose Reservas und Gran Reservas im traditionellen Stil bereitet. Ergänzend dazu sind aber in den letzten Jahrzehnten neue Rioja-Weintypen entstanden.

DIE «MÉDOC-METHODE»

Die Geburt der heutigen Rioja fand vor rund 150 Jahren statt. Luciano Francisco Ramón de Murrieta kam 1848 – nach einer kurzen, aber turbulenten Karriere im spanischen Militär – nach Bordeaux, um den dortigen Weinbau zu studieren. Die damaligen Bordeaux-Weine waren eher tief im Alkohol, aber durch den Holzausbau so robust, dass sie längere Transporte schadlos überstehen konnten. Zu Hause in Logroño kelterte Don Luciano einen ersten Rioja nach dieser sogenannten «Médoc-Methode», der 1852 nach Havanna exportiert wurde und dort in vorzüglichem Zustand ankam. Das Beispiel machte schnell Schule. Als dann nach 1860 die aus Amerika eingeschleppte Reblaus die Weinproduktion in Bordeaux zum Erliegen brachte, war die Rioja perfekt vorbereitet, um in die Bresche zu springen. Dutzende französische Weinhändler kamen nach Haro und machten den bis anhin verschlafenen Winzerort zu einer pulsierenden Weinmetropole. Im Rekordjahr 1891 sollen unglaublich anmutende zehn Millionen Hektoliter Wein aus der Rioja ausgeführt worden sein. Um diese gewaltigen Mengen transportieren zu können, wurde 1880 eigens eine Eisenbahnstrecke von Bilbao in die Rioja fertiggestellt.

RESERVAS & CO.

Bereits ab 1860 gab es in der Rioja zwei grundsätzlich verschiedene Weinstilistiken. Die nach der neuen «Médoc-Methode» in Barriques produzierten Weine waren weitgehend für den Export bestimmt. Das lokale Publikum dagegen trank lieber junge, frischfruchtige Weine, den sogenannten «Vino de Cosechero» oder den «Vino Jovén». Der Begriff «Reserva» soll erstmals von französischen Händlern in der Zeit von 1860 bis 1900 verwendet worden sein, um jene Fässer zu «reservieren», die sie bei ihrer nächsten Visite nochmals verkosten und dann kaufen wollten. Für Maria José López de Heredia, deren Familie seit rund 140 Jahren das gleichnamige, legendäre Rioja-Haus gehört, hat der Begriff «Reserva» allerdings noch eine andere Bedeutung. Mit «Reserva» oder «Reserva de Familia» sollen früher demnach jene Fässer markiert worden sein, die man für besondere Familienanlässe zurückbehielt. Auf jeden Fall wurde der Begriff «Reserva» jahrzehntelang dafür verwendet, um die Fässer mit den besten Weinen zu markieren. Als sich dann um 1970 herum die Qualitätsbezeichnungen «Crianza», «Reserva» und «Gran Reserva» durchsetzten, basierten diese in erster Linie auf der Dauer des Fassausbaus. Allerdings ist es für qualitätsorientiert arbeitende Bodegas eine Selbstverständlichkeit, dass nur ausgewählte, qualitativ überdurchschnittliche Grundweine länger im Eichenfass und danach in der Flasche gereift werden, um schliesslich nach mindestens drei Jahren als «Reserva» oder nach fünf Jahren als «Gran Reserva» auf den Markt zu kommen. Viele Bodegas warten gar noch viel länger. La Rioja Alta bringt ihre «Gran Reserva 890» jeweils erst nach zehn Jahren auf den Markt und die Bodega López de Heredia wartet gar 20 Jahre, bis sie ihr rotes Topgewächs, den «Viña Tondonia Gran Reserva» zum Verkauf freigibt. Die Rioja ist damit das einzige unter den führenden Rotweingebieten der Welt, das den enormen Aufwand und die hohen Kosten auf sich nimmt, um den Weinliebhabern voll ausgereifte Gewächse anbieten zu können.

DIE CRUS

Trotzdem ist die Rioja alles andere als ein nostalgisches Weinbaugebiet. Denn während die einen Bodegas die Kultur der klassischen «Reservas» und «Gran Reservas» weiterpflegen, gehen andere Weingüter völlig neue Wege. Der baskische Industrielle Jaime Rodríguez Salís begann schon 1967 damit, eine ehemalige Kloster-Einsiedelei namens Granja Nuestra Señora de Remelluri, isoliert in den Ausläufern des Toloño-Gebirges gelegen, in ein Wein-Château nach Bordeaux-Vorbild mit rund 100 Hektar Reben umzugestalten. Im Gegensatz zur üblichen Rioja-Doktrin verarbeitet Remelluri nur eigene Trauben und baut sie in mehrheitlich neuen Barriques aus französischer Eiche aus. Seither hat dieses Château-Prinzip in der Rioja prominente Nachahmer gefunden. Zu ihnen gehören etwa die Finca Monasterio (Barón de Ley), Barón de Oña (La Rioja Alta) sowie die prestigeträchtige Finca Valpiedra, die eindrucksvoll in einer Flussschleife des Ebro in der Rioja Alta liegt. Andere Produzenten haben dieses Konzept verfeinert und produzieren heute prestigeträchtige Einzellagen-Weine, eigentliche Crus nach burgundischem Vorbild. Die Finca Allende von Miguel Ángel de Gregorio etwa pflegt rund um das Dorf Briones rund 56 Hektar Reben, aufgeteilt in 100 Parzellen. Seine beiden Top-Weine von alten Reben reifen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, doch auf völlig verschiedenen Böden, der «Calvario» nämlich auf Kies und Steinen, der «Aurus» dagegen auf rotem Lehm. Diese Unterschiede treten in den zwei Crus auf denkbar subtilste Weise hervor. Mit der Philosophie der Einzellagen-Selektionen hat ein neues, ungemein spannendes Kapitel in der Weinbaugeschichte der Rioja begonnen. Kein Wunder gehören Crus wie der «Aurus» von Allende oder der «Contador» von Benjamin Romeo aus dem Winzerdorf San Vicente de la Sonsierra zu den prestigeträchtigsten Rioja-Weinen überhaupt.

DIE «SUPERPREMIUMS»

Neben den Crus hat sich in den letzten 25 Jahren in der Rioja ein weiteres, höchst effizientes neues Konzept zum An- und Ausbau von Spitzenweinen etabliert – die Rede ist von den sogenannten «Superpremiums». Sie werden  auch «Icons», «Vinos de Autor» oder «Vinos de Alta Expresión» genannt. Die Philosophie dahinter ist einfach, aber arbeitsintensiv in der Umsetzung: Selektion auf jeder Stufe der Produktion, also von der Auswahl der besten Trauben bis zur Selektion der besten Barriques während des Ausbaus. Einen der ersten dieser «Superpremiums» lancierte mit Marqués de Riscal ausgerechnet jene Bodega, die 123 Jahre zuvor schon mit der «Médoc Methode» ein neues Zeitalter eingeläutet hatte. Der 1991 lancierte «Barón de Chirel» stammt von ausgewählten Trauben von alten Stöcken, darunter auch einige Prozent Cabernet Sauvignon. Es ist ein modern anmutendes Kraftpaket mit verschwenderischer Fruchtfülle. In den letzten Jahren sind Dutzende von solchen verführerischen Powerweinen auf den Markt gekommen. Weine die beweisen, dass es diese neuen Riojas heute in Bezug auf Kraft und Fülle durchaus mit den Topweinen aus Ribera del Duero aufnehmen können. Bekannte Vertreter dieses Stils sind beispielsweise der «Hiru 3 Racimos» von Bodegas Luis Cañas, der «De Garage» von Bodegas Baigorri, der «Mirto» von Bodegas Ramón Bilbao oder der «Malpuesto» von Bodegas Orben.

NEUER GLANZ FÜR ALTE RESERVAS

Und die traditionellen Gran Reservas? Mit aristokratischer Gelassenheit haben sie den Sturm der Moderne an sich vorbeiziehen lassen. Wer aber glaubt, sie hätten durch den Wandel der letzten 30 Jahre an Charisma und Charme verloren, der täuscht sich. Im Gegenteil: Weine wie der Gran Reserva 890 von La Rioja Alta oder der Viña Tondonia Gran Reserva von López de Heredia finden heute weltweit begeisterte neue Anhänger. Tatsächlich sind es Kunstwerke, die bei lediglich 13 Volumenprozent Alkohol ein Maximum an Vielschichtigkeit, Raffinesse und Klasse zeigen. Und dazu jenen besonderen Charme, den wir nur bei ausgereiften Weinen finden. Spätestens wenn wir – am liebsten natürlich in einem gemütlichen Gasthaus inmitten der Rioja bei einem traditionellen «Lechazo» (im Steinofen gebratenes Milchlamm) – einen hoch konzentrierten «Contador» von Benjamin Romeo und einen eleganten, ja fast filigranen Gran Reserva 890 von La Rioja Alta nebeneinander im Glas haben, was zugegebenermassen nicht ganz billig ist, so realisieren wir endgültig, dass uns die Rioja heute so viel Qualität und Vielfalt bietet wie keine andere Rotwein-Region.

Diese Reise erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Consejo Regulador der DOCa Rioja, www.riojawine.com

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