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Kolumne Literatur Magazin 02/18

WARUM JEDER TAG MUTTERTAG IST

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Illustrationen: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Niemand freut sich mehr auf den Muttertag als meine Tochter Fanny – wie auf jeden Tag, den man feiern kann und an dem es Geschenke gibt. Es ist ihr nicht wichtig, ob sie es ist, die sie bekommt, Hauptsache, es gibt Vorfreude, Aufregung, Papierrascheln, Umarmungen und Küsse. So hat sie, sobald sie alt genug dazu war, in der Kita und Schule jedes Jahr Geschenke für mich gebastelt. Bilder, auf denen unsere Familie samt aller Kuscheltiere zu sehen ist, Briefe in Geheimtinte, selbstgeflochtene Glücksarmbänder, Blumen aus Papier, die auf einem Joghurtbecher thronen und die Form eines Herzens haben. «Für dich», sagt sie dann, und schaut mir gespannt zu, wie ich die Bilder entrolle, das Armband anlege, die Blumen auspacke, ganz aufgeregt, ob ich mich auch wirklich darüber freue.Und wie ich mich freue. Mein Herz stolpert, meine Augen werden feucht, meine Arme wollen nur noch dieses Mädchen umarmen, das so glücksbegabt und warmherzig ist. In diesen Momenten würde ich ihr so gerne etwas erklären, für das sie noch zu klein ist, obwohl sie in vielem schon so gross ist (und manchmal sogar zu gross, ich merke gerade, wie schnell das mit dem Erwachsen werden geht). «Fanny», würde ich ihr erklären, wenn sie es schon verstünde, «eigentlich ist der Muttertag mir schnurzpiepegal. Für mich ist nämlich jeden Tag Muttertag. Ich freue mich wie verrückt über dein Geschenk, aber das allerschönste Geschenk ist es für mich, die Mama von dir und deiner kleinen Schwester zu sein.» Ich kann das nicht sagen, aber es stimmt – zu meiner eigenen Überraschung. Ich bin wahnsinnig gerne Mutter. Und das haben mir meine Töchter beigebracht, auch wenn sie mir viele schlaflose Nächte eingebrockt haben und mich hin und wieder in den Wahnsinn treiben. Ich liebe nicht nur meine Kinder («rauf und runter», wie Fanny immer sagt), sondern mag auch mich als Mutter. Die Frau, die sie aus mir gemacht haben. Sie haben mich weichgeliebt, mich stark gemacht, mich in ein Herdentier verwandelt. In jemanden, der sich ganz kreatürlich um jemanden kümmern kann, zauberpustet, umarmt, festhält, Einschlaflieder summt. Ich mag es, wie wichtig die Sinne wieder in meinem Leben geworden sind, das Knuddeln und Kuscheln, der Spass beim Pfützenspringen, das Hinsehen und ihnen Zusehen, sogar das Riechen (ah, der Duft von Babyköpfen). Ich mag es, dass sie mir gezeigt haben, wie klein manchmal die grossen Dinge im Leben sind. Und dass Liebe tatsächlich unerschütterbar sein kann. Ich mag es, dass ich ein Stückchen Weg mit ihnen gehen darf, ihnen zeigen kann, welche Schritte sie gehen können und welche lieber nicht. Ich mag es, jetzt wieder selbst ein Kind sein zu dürfen – man kann mit einer Einjährigen ja manchmal nur klarkommen, wenn man ein brüllender Tiger ist und ein Hüpfhase und ein Mamabär. Es ist kitschig, ich weiss. Aber ich mag sogar das. Für mich ist jeder einzelne Tag Muttertag. Das würde ich ihr sagen, wenn ich es denn könnte. Und sie würde dann «Ach, Mama» sagen und ein kleines bisschen die Augen verdrehen. Sie ist ja schon gross.

La Tavola, Ted Scapa, Okka Rohd,
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