Tippe um zu schreiben

Kolumne Literatur Magazin 05/17

VON DER MAGIE DES BÜCHERSCHREIBENS

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Illustration: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Ich weiss nicht, wie das für Menschen ist, die mit dem Internet aufgewachsen sind, in das jeder ohne Probleme so viel hineinschreiben kann, wie er will, aber für mich sind Bücher fast heilig. Natürlich hat das auch mit meiner Kindheit zu tun. Ich habe die Erwachsenen in meiner Umgebung beobachtet, wie sie sich über Bücher beugten und plötzlich ganz still waren und von etwas gebannt, das nicht im Raum war. Und als ich dann endlich selbst lesen konnte, haben Bücher mir immer wieder geholfen. Sie schickten mich auf Abenteuer, wenn mir langweilig war, schenkten mir Freundschaften mit Prinzen, Tieren und Räuberhauptmanntöchtern, die mich immer verstanden. Sie trösteten mich und brachten mich zum Lachen. Ich glaube, Bücher sind die magischsten Objekte, die Menschen je erfunden haben. Nicht mehr als ein gebundener Stapel von gedrucktem Papier – und sie können Religionen begründen, Aufstände auslösen und einem ganz tief in die Seele schauen. Das sind vermutlich nicht die besten Voraussetzungen dafür, selbst ein Buch zu schreiben. Man weiss ja: Wer sehr verliebt ist, bekommt oft kein einziges Wort über die Lippen. Und Respekt und Bewunderung für andere machen es einem auch nicht unbedingt leichter, sich selbst etwas zuzutrauen. Aber dann habe ich es doch getan. In diesem Herbst erscheint mein zweites Buch, obwohl ich mir nach dem ersten geschworen hatte, mich nie wieder so aufzureiben. Das Bücherschreiben ist ja tatsächlich ganz genau so, wie man es oft gelesen hat: ein ewiger Kampf mit den Worten, gegen sich selbst, mit all dem, was einen daran hindern will, sich zu konzentrieren, in den Fluss zu kommen, sich nicht selbst dafür zu hassen, dass man nicht annähernd so gut ist wie die Autoren, die einem viel bedeuten. Und dann passiert es einem immer wieder doch: Man ist drin. Man schaut dabei zu, wie die Wörter fliessen. Man kommt irgendwohin, wo man noch nie war. Man hat Einfälle, von denen man sehr viel überraschter ist, als jeder Leser es sein könnte. Man findet seine eigene Stimme – erst ein wenig zögernd, dann immer sicherer, auch wenn man selbst nicht glauben kann, dass all das in einem steckte. Für mich gibt es, von der Liebe abgesehen, nichts, was gleichzeitig so anstrengend und glückselig machend ist wie die Verrücktheit, 250 Seiten mit dem zu beschreiben, was in einem steckt und es dann hinaus in die Welt zu entlassen. Für die diese Seiten ziemlich sicher viel weniger bedeuten werden, als für einen selbst. Sie hat ja nicht um jedes Wort gekämpft, ihre Schüchternheit überwinden müssen und zwei Tage lang über einen Halbsatz nachgedacht. Sie bekommt einfach nur noch ein Buch in die Hand gedrückt, schlägt es auf und liest, hoffentlich, los. Das Seltsamste nach meinem ersten Buch war der Wunsch einer Leserin, es für sie zu signieren. Ich habe ihn natürlich gerne erfüllt. Aber während ich meine Widmung und meine Unterschrift auf die Vorsatzseite schrieb, dachte ich: Ich habe das doch schon signiert, bei jedem einzelnen Wort, mit meinem Herzblut. Wie kann ein Ding, das nur ein Ding ist, so sehr Ich sein? Bücher sind wirklich magisch. Manchmal macht mir das Angst und immer macht es mich glücklich.

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