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Literatur Magazin 06/17

SWEETS FOR MY SWEET

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Fotografie: Shutterstock
Text: Inge Ahrens

Likör. Wie das schon klingt. Alte Bilder werden wach. Opa in der guten Stube genehmigt sich ein Gläschen vom sämigen Gewürzklaren. In der Flasche regen sich die Geister als wirbelnder Goldstaub. Unerreichbar. Verboten! Bei Tante Tines Kaffeekränzchen macht süsses Kirschwasser wie verbotene Pralinen die Runde. Es wird schon mal gekreischt. Meine frühkindliche heimliche Verkostung kam einer Selbstverbrennung nahe. Das war’s dann. Seitdem haftete dem Likör für mich etwas Altväterliches an. Ist er nicht scharf im ungünstigsten Fall? Zuckrig oder gar klebrig? Nichts da! Nur die ewig Gestrigen reden so. Likör kommt von lat. liquor, was nichts anderes heisst als Flüssigkeit. Bei uns gilt Likör als Sammelbegriff für alkoholische Getränke, die mit Früchten, Kräutern und anderen Aromen durch Infusion (Aufguss) oder Mazeration (kommt von Einweichen) angereichert werden. Zucker, Glukosesirup oder Honig geben ihnen die Fülle. Früchte, Kräuter, Blüten, Samen, Schokolade, Karamell oder Gewürze bestimmen ihren Charakter. Ihr Alkoholgehalt beträgt mindestens 15, aber höchstens 40 Prozent. Es gibt Frucht-Liköre, Grappa-Liköre, Kräuterliköre, Sahne- Liköre und solche, die nach Weihnachten schmecken.

Dem Erfindungsreichtum der Destillateure sind kaum Grenzen gesetzt. Wer heute in ihre Welt eintaucht, macht eine Weltreise. Im besten Fall ist das ein Luxustrip. Denn die herausragenden Likör-Handwerker sparen an Zucker und geizen mit künstlichen Aromen. So ein Eisschlehen-Likör entfacht ein gar fruchtiges Feuerchen im Rachen und legt sich alsbald wie ein warmer Schal um den Hals. Ein Eisbrecher für Wintertage. Die blumigen Aromen vom Holunder-Likör vertreiben Grau und Graupel und zaubern den Sommer herbei. Erdbeer-Limes schmeckt ganz genau so wie frisch gerührte Konfitüre, was schnell zum Nachschenken verführt und in Mädchengekicher endet. Was übrig bleibt vom vergeistigten Fruchtpüree, tränkt hinreissend die Biskuits im Erdbeer-Tiramisu. Es kam, wie es kommen musste. Jetzt bin ich auf Likör. Und wird es dämmrig in meiner Stube, dann öffne ich eine Flasche, nehme erst eine Nase und dann ein Gläschen, oder auch zwei. Wie vom Kräuterlikör mit den Alpengewächsen, der so lustig in der Flasche mit dem Schnackelverschluss daherkam. Plopp! Wie riecht der denn? Fruchtig und irgendwie schokoladig. Ein sehr weiblicher Kräuterlikör, der einen erst ein bisschen durchkitzelt und dann sanft nachklingt. Thank God! Ich hasse nämlich Kräuterliköre. Dieser hat zwar ordentlich Prozente, ist aber ein echter Mädchenschmeichler. Sicher gibt es immer noch billige Liköre. Davon rede ich hier nicht. Die feinen aber, von den kleinen Manufakturen und den grossen auf Qualität bedachten, sind an Einfallsreichtum kaum zu überbieten. Mit den Urahnen des Likörs, der vor Jahrhunderten gern auch als Medizin verabreicht wurde und darum auch ein wenig so schmeckte, hat das gar nichts zu tun. Ob nun Pflaume, Nuss oder Hibiskusblüte, Amalfizitrone oder Blutorange, meinetwegen auch Kirsche – ein handverlesener mit Liebe zubereiteter Likör ist pur genossen eine Art Aroma- therapie. Mit Champagner aufgegossen oder als Cocktailbeigabe wird er in den trendigsten Bars serviert. Hergestellt aus besten Zutaten und in Flaschen gesperrt, die so schön wie kostbare Flakons aussehen, ist Likör längst Kult bei Männern und Frauen, Jungen und Älteren. Likör hat was Spirituelles, und eine gewisse Reife braucht man schon. Man muss ihn kommen lassen. Erst durch die Nase, dann auf der Zunge, im Rachen, im Kopf. Likör ist was für Kenner. Wenn ich die Flasche mit dunkler belgischer Schokolade ausschenke, kehrt Stille ein. So was kann schon mal in seliges Schlecken ausarten, und irgendjemand hat immer den Finger im leeren Glas.

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