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Kolumne Magazin 03/17

ALL DAS, WAS KOMMT

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Illustration: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Das Erste, woran ich beim Aufwachen dachte, war Käsekuchen. Keine Ahnung, was ich geträumt hatte, um mit diesem Gedanken aufzuwachen, aber nun war er einmal in meinem Kopf und verschwand auch nicht wieder. Je mehr ich über ihn nachdachte, desto grossartiger wurde der Kuchen in meinem Kopf. Fluffig. Von wolkengleicher Konsistenz. Mit einem eher schweren, knusprigen Mürbeteigboden als Kontrast, der fast ein bisschen an Krokant erinnert. Er schmeckte nach zu Hause und nach grossmütterlicher Liebe, nach Quark, aber nicht zu sehr. Irgendwann gab ich auf, ging einkaufen und backte einen Käsekuchen. Er schmeckte gut, sehr gut sogar, allerdings längst nicht so vollkommen wie der Kuchen, an den ich beim Aufwachen gedacht hatte. Ich erzähle das alles nur, weil meine Gier mich um eine wichtige Käsekuchenzutat gebracht hatte: die Vorfreude. Ich hatte das Backen nicht zelebriert, den Tisch nicht schön gedeckt, meine Nase nicht über die Ofentür gehalten und an den fertigen Kuchen. Deswegen schmeckte er zwar gut, aber eben nicht: himmlisch. Viele Dinge werden schliesslich erst dann richtig gut, wenn Vorfreude dazu kommt. Die Aufregung vor einem Date, wenn man sich lieber doch noch einmal umzieht, und dann noch einmal, und anschliessend eine Stunde überlegt, welches Parfüm man auflegt. Oder die Liste, die ich mache, bevor wir in den Urlaub fahren – all die Orte, die ich sehen möchte und all die Dinge, die ich gerne tun würde. Mein Mann lacht mich dafür immer ein wenig aus, er mag es spontaner und lässt sich gerne treiben, er findet, ich übertreibe es ein bisschen sehr mit meiner Planung. Er hat da nicht Unrecht. Doch mit dieser Liste fängt der Urlaub für mich schon ein paar Tage früher an. Und natürlich: der Mai – der Monat der Vorfreude. Man weiss: Irgendwann in den nächsten Tagen werden überall wieder die Erdbeerstände aufmachen und man wird sich den grössten aller Körbe kaufen, obwohl man weiss, dass die Erdbeeren im Juli noch ein bisschen besser schmecken werden, weil sie noch mehr Sonne abbekommen haben. Man geht raus und macht einen langen Mai Spaziergang, und plötzlich riecht es anders, leicht und süss, und alles ist Grün, eine Explosion von Leben. Manche tragen noch einen Übergangsmantel, manche schon eine kurze Hose, aber selbst, wenn das Wetter mitunter noch ein wenig launisch ist, gibt es keinen Zweifel mehr: Jetzt ist es fast geschafft. Die Monate voller Grau und Dunkelheit liegen hinter uns. Der Sommer kommt und mit ihm der Leichtsinn, das Draussensitzen und Kleidertragen, die Ausflüge an den See und die Abenden auf dem Balkon, der Geruch von Kinderarmen mit Sonnencreme und der Anblick von nackten Babyfüssen, Beerenberge auf dem Wochenmarkt, eiswürfelklickende Limonadenkaraffen und Spaghettieisbecher, Mittagspausen unter freiem Himmel und kleine Sandhäufchen vom Ausflug an den Strand in den Schuhen. Nein, es ist nicht so weit. Noch nicht ganz. Und es soll ruhig noch ein paar Tage so bleiben. Denn jemand muss dem Sommer das Licht anmachen. Ohne das Maiglühen wird er nicht leuchten.

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