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Kolumne Literatur Magazin 05/18

KAMINFEUER – GEFÜHL

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Illustrationen: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Zu den Merkwürdigkeiten meines Lebens gehört neben meiner Liebe für dauerverlierende Fussballvereine, Ringelshirts und Anis wohl auch die Tatsache, dass meine Erinnerung nicht in Momenten, in Sätzen oder Bildern funktioniert, sondern fast ausschliesslich in Gefühlen. Ich weiss nicht mehr, was mein Mann trug, als wir uns in dieser komischen Hamburger Bar in der Nähe des Hafens auf ein Bier verabredeten und ineinander verliebten, von einer Nacht auf die andere, obwohl wir uns bereits Jahre kannten. Ich weiss auch nicht mehr, was genau er sagte oder was für Musik dort lief, ich weiss aber noch haargenau, wie ich mich an diesem Abend fühlte. Kribbelig wie vor einem Date, obwohl es doch nur eine Verabredung unter Freunden war, nervös mit einem Hauch Albernheit. Oder der Moment, als ich nach Monaten der Arbeit endlich mein erstes Buch an den Verlag abschickte. Keine Ahnung, was für ein Tag das war oder ob ich mir Mühe mit dem Brief für meine Lektorin gegeben hatte, aber ich erinnere mich an das Gefühl, als hätte ich das Buch erst gestern hinausgeschickt. Diese bis in die Knochen hineinreichende Erschöpfung vieler durchgearbeiteter Nächte, der Stolz, der sich ein wenig zu sehr von der Angst einschüchtern liess, als total talentfrei entlarvt zu werden. Neben dem Glück nun endlich fertig zu sein und immerhin die Worte gefunden zu haben, die sich für mich genau richtig anfühlten. Und: Die Sommerferien meiner Kindheit, vielleicht eines der unverwaschensten Gefühle. Weil meine Mutter das Meer so liebte, fuhren wir jeden Sommer mit dem Auto hoch in den Norden an die dänische Nordseeküste. Wir wohnten in Ferienhäusern, mal mit Reetdach, mal mit Garten, mal mit Meerblick, aber immer mit einem Kamin. Was schon deshalb wunderbar war, weil die dänischen Sommer mitunter ziemlich kühl waren und wir uns wenig Schöneres vorstellen konnten, als nach langen Spaziergängen an der stürmischen See nach Hause zu kommen und die dickbestrumpften Füsse an die Kamintür zu lehnen, hinter der das Feuer erst loderte und dann glomm. Ich sass vor Jahren das letzte Mal vor einem dänischen Kamin, aber das Gefühl des Aufgehobenseins ist mir bis heute geblieben. Ich muss nur die Augen schliessen, um ihm hinterherzuseufzen. Hinterher öffne ich sie und überlege, wie ich mir in meinem kaminlosen Leben ein paar Kaminfeuergefühle verschaffen kann. Dann wickle ich meine ewig kalten Füsse in eine dicke Wolldecke, mache mir eine heisse Schokolade, die so dick ist, dass der Löffel darin stehen bleibt, zünde überall im Zimmer die Kerzen an, als wäre schon Advent, und setze mich ans Fenster, während es draussen vor sich hinweht. Oder ich mache mir eine grosse, heisse Wanne mit diesem Badeöl, das wie Sauna-Aufguss riecht und einem derart das Gehirn verkräutert, dass der Stress sich sofort hinlegt und ein Nickerchen macht. Dazu lege ich mir eine Packung Pralinen auf den Badewannenrand und schaue einen kein bisschen bemerkenswerten Film – Pralinenfernsehen, wie ich es nenne. Nicht ganz das Gleiche, aber schon sehr, sehr gut.

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