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Kolumne Literatur Magazin 04/17

EIN GROSSES BIER UND SEHR VIEL NICHTS

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Illustration: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Wie jeder Gegenwartsmensch fühle ich mich ziemlich oft überlastet. Zu viel zu tun. Zu viel zu bedenken. Zu viel Ablenkungen. Zu viel Lärm. Zu viel Unterwegssein und zu wenig Ankommen. Und es hilft mir nicht allzu viel, dass es eine immer grösser werdende Branche gibt, die Frauen wie mir verspricht, sie könnten dem drohenden Burnout doch noch entgehen, wenn sie ihre Dienste in Anspruch nehmen. Bevor ich mit Yoga anfange, müsste ich erst einmal meine Muskulatur grundsanieren, damit ich mich nicht unsterblich blamiere. Wellness-Retreats: schwer für jemanden, der den Gedanken seltsam findet, dass man verreisen, also Anstrengungen auf sich nehmen soll, damit man runterkommt. Digital Detox? Ich weiss leider nur zu gut, dass sich die E Mails in meiner Abwesenheit zu einem noch grösseren Berg auftürmen, den ich dann wieder abarbeiten muss. Es ist zum Verzweifeln. Dann bin ich zufällig einem alten Freund begegnet. Ein Bayer im Berliner Exil, das er zwar mag, weil es so gross, laut und lebendig ist, wie Grossstädte nun einmal sind, aber immer noch mit dieser kopfschüttelnden mentalen Distanz dem Betrieb um des Betriebes willen gegenüber. Ein netter sturer Bock, der sich nicht fragt, was mit ihm falsch läuft, wenn ihm der Trubel zu viel wird, sondern sich einfach ausklinkt. «Komm», sagte er, «wir trinken jetzt ein Bier, keine Widerrede, es ist nicht weit.» Dann ging er mit mir dreimal um die Ecke und in einen Hinterhof, und schon sassen wir in einem Biergarten, dessen Existenz ich bislang beharrlich ignoriert hatte. Ein paar Bänke mit Tischen, ein paar Bäume, die Schatten spendeten, dazwischen vor sich hinleuchtende Lichterketten und ein paar sehr entspannt wirkende Gäste, die so sehr nichts zu tun zu haben schienen, dass sie nicht einmal auf ihre Handys schauten. Er bestellte zwei Mass. «Das schaffe ich im Leben nicht», sagte ich. «Das musst du auch gar nicht schaffen», sagte er, «das Bier ist nur dafür da, ein Zeichen zu setzen. Du machst jetzt Pause, du bist in einer Oase.» Wir bestellten Fleischkäse im Brötchen und einen Kartoffelsalat, es schmeckte nach Kindheit und Sommer und Einfachheit. «Das ist der Ort, der mir das Gemüt rettet», sagte mein Bekannter. «Na ja», sagte ich, «Bayern brauchen vermutlich Biergärten.» «Der einzige Bayer hier bin ich», sagte er, «und wenn du es genau wissen willst, braucht jeder Mensch einen Biergarten. Ausserdem bin ich nicht zum Reden hierher gekommen.» «Sondern», fragte ich. «Zum Sein», sagte er und seufzte. «Setz dich hin, schau dein Bier an, hör dem Rascheln der Blätter zu, beiss in dein Brötchen und gib Frieden, sonst findest du keinen.» «Okay», sagte ich. Eine halbe Stunde später fühlte ich mich sehr seltsam. Angekommen, ohne zu wissen, wo genau. Und es tat mir gut, dass niemand von mir wissen wollte, wie es mir ging, nicht einmal ich selbst. Einfach nur sitzen. Hin und wieder einen Schluck nehmen. Die Lichterketten anschauen. Den Spatzen Brotkrümel hinwerfen. Noch einmal abbeissen. «Du hast recht», sagte ich, «jeder Mensch braucht einen Biergarten.» «Sag ich doch», sagte er. Dann lachten wir sehr laut und schwiegen weiter.

La Tavola, Zeitschriften, Ted Scapa, Okka Rohd,
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