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Kolumne Literatur Magazin 06/17

DIE LIEBEN VERWANDTEN

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Illustration: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Jedes Jahr das Gleiche. Zuerst gibt es ein paar Weihnachtslieder, auf die eigentlich keiner so richtig Lust hat, die aber trotzdem gesungen werden, weil man das eben so macht. Und weil Tante Elsa Weihnachtslieder so mag, vor allem «Ihr Kinderlein kommet». Dann stürmen die Kinder in das Weihnachtszimmer, um endlich die Geschenke auszupacken und aufzubauen, obwohl das Essen längst fertig ist und Onkel Herbert jetzt aber wirklich Hunger hat. Wenn endlich alle am Tisch sitzen und die Kartoffelsuppe essen, die es gibt, seit ich mich an Weihnachten erinnern kann, fängt Onkel Herbert an, davon zu erzählen, wie schön die Weihnachtsfeste früher waren. Woraufhin Tante Elsa die Geschichte vom Heiligabend erzählt, als der Baum fast abbrannte, weil Onkel Herbert zwei Strohsterne direkt über die Kerzen gehängt hatte – nicht ohne am Ende sehr triumphierend zu grinsen. Woraufhin Onkel Herbert sagt, dass das mit den Strohsternen ja wohl nicht seine Idee gewesen wäre, er hätte Strohsterne schon immer gehasst, genau wie Lametta. Woraufhin die ganze Familie anfängt, darüber zu streiten, ob Lametta super oder grauenvoll ist, bis Mutter fragt, wer den letzten Kloss möchte. Irgendwann holt Vater den Cognac aus dem Schrank, den niemand mag, der aber zum Fest gehört wie die Florentiner zum Nachtisch, die Räuchermännchen und der Stern auf der dieses Jahr aber wirklich allerschönsten Tanne. Spätestens nach dem dritten Cognac kramt Herbert dann seine Lieblingsgeschichte heraus und Elsa stösst ihm in die Rippen, was ihn selbstverständlich nicht im Geringsten davon abhält, seine Geschichte weiterzuerzählen bis zur Pointe, die alle längst mitsprechen können, aber schweigend weggrinsen. Ich liebe Weihnachten. Es gibt sogar Menschen, die mich einen Weihnachtsfreak nennen. Und ich liebe Onkel Herbert und Tante Elsa. Aber irgendwann fing ich an, mich nach einem Weihnachten ohne Lametta-Diskussion, Cognac und Streit um den letzten Knödel zu sehnen. So sehr, dass ich beschloss, den Heiligabend ganz alleine zu feiern. Ohne lange Anreise und Grossfamilie, gemütlich im Pyjama. Ich stellte mir das sehr besinnlich und friedlich vor. Was es auch war. Bis ich anfing, darüber nachzudenken, was der Rest der Familie wohl gerade machen würde. Ungefähr jetzt würde Papa den Cognac rausholen. Jetzt würde Herbert mit seiner Geschichte loslegen. Jetzt würde Mama die Schale mit den Florentinern aus der Küche holen und auf den Tisch stellen. Jetzt würde mein Vater sagen, dass er keinen Florentiner möchte, um dann alle aufzufuttern. Jetzt würde mein Bruder die Kinder hochtragen, die auf dem Sofa eingeschlafen waren. Jetzt würde ich mit Mutter in der Küche stehen und abwaschen und über dieses so merkwürdige Jahr sprechen, weil wir über die wirklich wichtigen Dinge immer beim Abwasch sprechen (noch so eine Weihnachtsmerkwürdigkeit). Irgendwann suchte ich im Internet nach «Ihr Kinderlein kommet». Dann rief ich zu Hause an. «Seid ihr schon beim Cognac», fragte ich meine Mutter. Und ob sie nicht mal kurz Onkel Herbert ans Telefon holen könne. Es dauerte ein bisschen, bis er endlich dran war. Dann erzählte er mir zum 34. Mal die Geschichte, die ich noch nie gehört hatte.

La Tavola, Okka Rohd, Verwandten, Kollumne, Ted Scapa
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