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Kolumne Literatur Magazin 01/19

DAS JANUARLOCH

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Illustrationen: Ted Scapa
Text: Okka Rohd

Die Sache mit den Löchern ist ja die: Man sieht sie selten schon Meter im Voraus, sondern bemerkt sie oft erst, wenn man mit dem Fuss stecken geblieben oder ganz hineingefallen ist. Zuerst f lucht man ein wenig. Dann fragt man sich, wo dieses Loch denn herkommt, das man so gar nicht vorhergesehen hat. Fragt sich, wie man da unbeschadet wieder herauskommt, und fängt dabei an, über komische Dinge nachzudenken. Man denkt sich zum Beispiel, dass so ein Loch, egal ob auf der Wiese oder im Herzen, eigentlich ein ziemlich gutes Bild für das Leben ist und für die Dinge, die es sich ausdenkt, während man Pläne schmiedet. Das Januar-Loch zum Beispiel, ein ganz besonders perfides Exemplar. Perfide, weil man im Fall des Januar- Loches sogar schon weiss, dass es kommen wird. Denn es kommt immer, jedes Jahr wieder, mit der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Abendnachrichten. Und trotzdem fällt man jedes einzelne Mal hinein. Als hätte man es so gar nicht kommen sehen. Man kann das Januar-Loch und seine Existenz sogar durchaus verstehen. Der Dezember in all seinem Glanz und Gloria ist vorbei, das neue Jahr mit Champagner begossen. Man hat sogar Pläne geschmiedet. Dieses Jahr wird man mehr Sport machen und endlich mi dem Rauchen aufhören, jetzt mal ganz in echt und ohne Ausreden. Und man wird den Keller aufräumen, auch wenn einen schon die Vorstellung seufzen lässt. Und dann kommt das Jahr und ist einfach nur ein neues Jahr. Ein kalter, ziemlich grauer Januar (wenn man in Berlin lebt, sogar ein sehr grauer Monat mit Tendenz zur Trostlosigkeit), und nach ungefähr drei Tagen in diesem so feierlich erwarteten neuen Jahr denkt man: Ach, das mit dem Keller hat auch noch Zeit. Im Sommer räumt es sich doch viel unbeschwerter. Und bei der Kälte hat nun wirklich niemand Lust darauf, den Weihnachtsbratenbauch in ein Fitnessstudio zu schleppen. Und das Rauchen, ach, das Rauchen. Und dann, man hört es nicht, spürt es dafür aber umso deutlicher, sitzt man schon drin, tief im Januar-Loch. Bis eben hat man die Freuden des Jahresendes genossen, die Vorfreude auf Weihnachten, das Fest, die Silvester-Küsse. Jetzt liegen vor einem nur noch ein paar Monate Winterschwere. Ach, ach, denkt man. Da ist  es also wieder, das Januar-Loch. Und dann f lucht man ein bisschen. Das Gute an diesem Exemplar von Loch: Mit den Jahren klettert man immer schneller wieder aus ihm heraus. Man kennt die kleinen Tricks und weiss, wo sich die Leiter versteckt. Oder wenigstens der Lichtschalter gegen die Dunkelheit da unten. Zuerst stellt man das Selbstmitleid ab (es reicht ja schon, wenn der Himmel vorm Fenster grau ist, die eigene Seele muss dem nicht folgen). Dann gönnt man sich ein paar Januarfreuden. Eine Runde Schlittschuhlaufen, hinterher ein Glühwein, ein Spaziergang an der frischen, kalten Luft, vielleicht in einem leicht verschneiten Wald. Ein Kaffeekränzchen mit heisser Schokolade und einem Stück Torte, nach dem man sich nicht mehr bewegen kann. Ein Buch, eine Tasse Tee, dazu leichtes Gebäck und dick besockte Füsse. Idealerweise ein Kamin, aber eine warme Heizung tut es auch. Januar-Loch, denkt man schliesslich, welches Januar-Loch? Dann vergisst man es ganz. Bis zum nächsten Jahr, wenn man kein bisschen mit ihm rechnet.

La Tavola, Magazin, Ausgabe 01, 2019, Ted Scapa, Okka Rohd
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