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Ein Geschenk des Himmels

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Es schneite, was das Zeug hielt. Und das bereits einige Stunden lang. Zellenberg schien im Schnee zu versinken. Nacheinander gingen in den dicht aneinandergeschmiegten Häusern entlang der Hauptstrasse die Lichter an. Sie erhellten die altmodischen Sprossenfenster und liessen Blicke in die unterschiedlichsten Haushalte zu. Die tanzenden Schneeflocken glitzerten festlich. Es war der Abend des 24. Dezember. Die Menschen in den Häusern waren emsig damit beschäftigt, den Heiligabend vorzubereiten. In den Küchen wurde gerührt und gebrutzelt. In den Stuben erwarteten duftende Tannenbäumchen ihren grossen Abendauftritt.

Den Baum der Familie Schulz würden in diesem Jahr die Kinder schmücken. Selbstverständlich wieder mit dem antiken Christbaumschmuck der Familie: mundgeblasene Christbaumkugeln aus Böhmen, Engel, Geigen und Trompeten aus Glas. Zwerge und Rehe aus kunstvoll angemaltem Papiermaschee. Den Baumschmuck hatte die Familie jahrzehntelang auf Weihnachtsmärkten oder Flohmärkten erstanden. Die Schätze wurden das Jahr über in einer grossen Schachtel auf dem Dachboden aufbewahrt. Dieser Christbaumschmuck einte mit seiner Geschichte jedes Jahr aufs Neue die Familie, die sich sonst gerne in den Haaren lag. Pute oder Gans, oder doch lieber Kartoffelsalat mit Würstchen, oder vielleicht wieder einmal ein Raclette? Den Kindern war das Menü egal, sie wollten nur den Weihnachtsbaum schmücken. Weil sie Traditionen lieben. Die Erwachsenen wollten es auch so. Sie wollten es wegen der Erinnerung an ihre eigene Kindheit. Auch weil sie in der Küche beschäftigt waren. Emily, bereits ein Teenie, hatte es in diesem Jahr völlig verschwitzt, ihre liebevoll zusammengetragenen Geschenke zu verpacken. Der Himmel schien es geplant zu haben! Emily war auserwählt die Schachtel mit dem Christbaumschmuck  vom Dachboden zu holen.   

Neben der grossen Kiste, angeschrieben mit «Weihnachten», stand ein namenloser Karton. Als sie ihn neugierig öffnete, fand Emily einen wirklichen Schatz – ihre Rettung! Jemand hatte bereits benutzte Papiere, keinesfalls nur mit Weihnachtsmotiven, sorgsam gebügelt und aufgerollt. Ein buntes Sammelsurium. Sogar eine Tageszeitung aus China war dabei. Handgefertigtes Japanpapier und Tapetenreste. Solche, mit denen man früher die Wände beklebte. Daneben eine Vielzahl von bereits benutzten Bändern. Ebenfalls liebevoll gebügelt, aufgerollt und jeweils mit einer Stecknadel mit einem bunten Knopf am Ende fixiert. Emily staunte. Sie fand es wunderbar, sich die Geschichten auszudenken, die dieses Sammelsurium bereits erlebt hatte. Besonders ein Couvert mit alten Schwarzweissfotografien, leicht vergilbt und zum Teil mit gezackten Rändern, faszinierte sie. Emily machte sich an die Arbeit. Geschenk um Geschenk wurde sorgsam eingewickelt und verziert. Emilys Fantasie schlug Kapriolen, und so schmückte sie ein Päckchen mit einer handgeschriebenen Notiz.   

Ein anderes mit alten Fotografien und sogar einem alten Schulzeugnis. Auch eine Brosche in Form einer Eidechse, der leider in ihrer bewegten Geschichte der Verschluss abhandengekommen war, und eine einzelne Seidenstulpe, die einmal zu einem Abendkleid gepasst hatte, feierten auf Emilys Päckchen glänzende Auftritte. Emily freute sich über dieses Geschenk des Himmels. Es passte so sehr zu diesem Weihnachtsabend. Kein Wunder waren Emilys Päckchen mit originellen Dekorationen das Highlight unter dem Weihnachtsbaum. Mit Staunen über die Kreativität des jungen Mädchens, voller Rührung über alte Fotografien und Andenken an rauschende Feste kehrte Weihnachtsfrieden ein. Emilys Päckchen sorgten für einen ganz anderen Gesprächsstoff am Heiligen Abend als die Jahre zuvor. Plötzlich spielte es überhaupt keine Rolle mehr, dass Omas Gans zu trocken war, Mamas Rotkraut komplett verkocht und Papas Klösse sich im Wasser aufgelöst hatten. Die Lichter am Baum flackerten leise vor sich hin, und die Schneeflocken hörten vor lauter Freude über die Glückseligkeit der Familie nicht mehr auf zu tanzen. Der Himmel hatte sich Emilys Geschenk sehr weise ausgedacht.

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