Tippe um zu schreiben

3.12.19

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Wir mögen die Welt durchreisen, um das Schöne zu finden, aber wir müssen es in uns tragen sonst finden wir es nicht.

Kolumne

Im WINTERSCHLAF

«Psssssst, ganz leise jetzt, sonst kann man es nicht hören. Nein, wirklich, sag jetzt mal nichts, und fang auch nicht an zu lachen. Das, was du da hören kannst, ist wunderschön. Etwas, das wir nur ganz selten zu hören bekommen, hör einfach mal zu.» Was ich meine, fragt er, da sei doch rein gar nichts? «Eben», sage ich, «das meine ich doch. Und jetzt sei leise, und lass dich einfach  reinfallen in dieses Nichts. Und falls dir das schwerfällt: Mir ging es am Anfang ganz genauso. Am Anfang ist die Stille laut. Man braucht einen Moment, um in sie hineinzuhören. Die Abwesenheit von allem nicht als Abwesenheit, sondern Anwesenheit wahrzunehmen. » «Also sehr leise ist es nicht, wenn du so viel quatschst. Und seit wann sagst du so komisches Zeug, du
klingst wie eine dieser Eso-Tussen.» «Sag nicht Eso-Tussen », antworte ich. «Und jetzt: PSSSSSSSST!» Könnte man uns jetzt so sehen, man würde uns für bescheuert halten. Im Bett liegend, mit zugezogenen Vorhängen, die Tür geschlossen, obwohl niemand sonst in der Wohnung ist, die Bettdecke über den Kopf gezogen wie unsere grosse Tochter, wenn sie total heimlich liest, obwohl
sie längst schlafen sollte. Es ist Sonntagmorgen und zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig kalt draussen. Die Kinder sind mit ihren Grosseltern unterwegs. Wir bleiben drinnen und machen Winterschlaf. Die Version für Erwachsene mit zwei kleinen Kindern und zu viel Arbeit: Ausschlafen bis halb neun, Frühstück im Bett, das in Mittagessen im Bett übergeht, nicht die gesündeste, aber eine sehr glücklichmachende Variante: eine wagenradgrosse Pizza mit Extra-Käse. Hinterher weiterschlafen, nicht, weil wir wollen, sondern weil wir uns ohnehin nicht mehr bewegen können. Aufwachen, kurz darüber nachdenken, doch noch mal an die frische Luft zu gehen, und diese Idee sofort verwerfen, liegen bleiben, die Decke über den Kopf ziehen, reden, kichern, schweigen.
Und plötzlich ist er da. Ein Moment, der nichts will. Nichts muss. Nichts ist (auf die Gefahr hin, dass ich schon wieder wie eine Eso-Tussi klinge). Bloss zwei Menschen, die sich schon sehr lange kennen, aber sich noch nie unter einer Bettdecke vor dem Sonntagnachmittag und der Welt versteckt haben, und nun Händchen haltend in die Stille hineinatmen, bis man nicht einmal mehr das Atmen hört. Da ist nichts. Da ist immer noch nichts. Wirklich nichts. Rein gar nichts. Ist das schön. «Bist du eingeschlafen?», flüstere ich irgendwann, und es klingt sehr laut. «Nee, du?», flüstert er zurück. Ich kichere. «Ich finds schön, mit dir unter der Decke zu liegen und zu flüstern», sage ich. Er drückt meine Hand, wie wir das früher immer gemacht haben, wenn wir einander auf etwas aufmerksam machen wollten, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt. Ich drücke zurück, aber er liegt einfach nur
ganz still da. «Wir sollten öfter Winterschlaf machen», sage ich. «Pssssst», sagt er, «weck die Stille nicht auf.»

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